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Am Montag, den 28.10.2019, war die Psychologin und Pubertätsexpertin Anne Wilkening am Abend in der Aula des Lilienthal-Gymnasiums zu Gast, um mit Eltern und Schüler*innen ihre Erkenntnisse zu Auswirkungen des Medienkonsums zu teilen. Der Vortrag wurde durch den Förderverein des Lilienthal-Gymnasiums ermöglicht.

Den roten Faden dieses informativen und zugleich unterhaltsamen Vortrags bildeten die mit aktuellen empirischen Studien gestützten „Regeln für cleveres Zocken, Glotzen und Chatten“. Bei diesen gehe es Wilkening nicht um ein striktes Verbot und eine Verteufelung des Medienkonsums. Ihr Ziel sei es vielmehr, das jugendliche Gehirn durch ihre Tipps vor einem bleibenden Schaden zu bewahren.

Wilkening riet den etwa 50 anwesenden Eltern dazu, nicht ständig um jede Stunde vor dem Bildschirm zu streiten. Beharrlich bleiben sollten sie allerdings, wenn es um die Bewegung und den Schlaf ihrer Kinder gehe. Sie begründete den Aufruf zur Regulierung auch damit, dass bestimmte Areale des jugendlichen Gehirns „wegen Umbau geschlossen“ seien. Deswegen falle vielen Jugendlichen das vorausschauende Denken, die Impulskontrolle und das Treffen vernünftiger Entscheidungen sehr schwer. Dies sei aber eine Fähigkeit, die man z.B. benötige, um nach einer gewissen Zeit den PC abzuschalten oder das Smartphone wegzulegen. „Wenn Ihre Kinder sich nicht alleine regulieren können, müssen Sie sich trauen, einzuschreiten!“, ermutigte Wilkening die Eltern. Dies dürfe aber natürlich nicht willkürlich, sondern auf Grundlage klarer Regeln und Vereinbarungen geschehen.

 Die folgenden Regeln empfiehlt Wilkening zu beachten, um die körperliche und geistige Gesundheit der Jugendlichen zu schützen:

  1. Nicht alleine! (Gemeinsames Spielen und Schauen: Ein Austausch über die Erfahrungen und Inhalte führe zu einer effizienteren Verarbeitung im Gehirn. Fernsehen oder Youtube seien nicht per se schlecht. Es gebe viele kluge Lernvideos, Sendungen und auch Spiele. Man lerne jedoch mehr, wenn man sich darüber persönlich austauscht.)
  2. Maximal 6 – 9 Stunden pro Woche „zocken“! (Zocken sei „Cannabis für Gehirn“, weil es wie die Droge zu einer erhöhten Dopaminausschüttung führe - mit starken Lust- und Glücksgefühlen als Folge. Jedoch werde dadurch die körpereigene Dopaminproduktion gestört. Es komme zu einer „Abstumpfung“ und einem immer stärker werdenden Verlangen nach dem dopaminauslösenden Spiel. Keine andere Aktivität könne dann noch in einem vergleichban Ausmaß Glück spenden – erstrecht nicht der Unterricht.)
  3. Kein Geld für Spiele ausgeben! (Je mehr Zeit, aber auch Geld man in Spiele investiere, desto stärker machen diese laut Wilkening abhängig: „Es geht um mehr!“ Die Folgen von einer starken Spielsucht seien für das Gehirn oft irreversibel – wie bei Alkoholikern oder Drogenabhängigen.)
  4. Verkehrsregeln fürs Netz kennen und beachten! (Hier verwies Wilkening auf die Homepage klicksafe.de mit vielen sinnvollen Erklärungen und Regeln)
  5. 60 Minuten vor dem Schlafen Handy aus und raus aus dem Kinderzimmer! (Das jugendliche Gehirn bräuchte 8-10 Stunden erholsamen Schlaf, „nur um nicht dümmer zu werden.“ Aufgrund der starken Wirkung der technischen Geräte seien Kinder und Jugendliche kaum in der Lage dazu, sich selbst zu regulieren.)
  6. Mindestens so viel Bewegungs- wie Bildschirmzeit! (Wilkening spricht sich für ein Bewegungskonto aus: Pro Stunde am Bildschirm eine Stunde Sport, Radfahren, Spazieren o.Ä. Schließlich rege Bewegung das Gehirnzellenwachstum an. Die Kinder zum Sport zu animieren, sei die „wichtigste Aufgabe der Eltern“. Dies führe nicht nur zur körperlichen und kognitive Fitness. Es sei auch eine wertvolle Möglichkeit, soziale Kontakte aufzubauen und Anerkennung zu erhalten.)
  7. Nicht täglich! (Wer sich vor einer Abhängigkeit schützen wolle, müsse regelmäßig Pausen einlegen.)
  8. Default-Mode (Wer daueronline sei, gebe dem Gehirn keine Zeit für die Verarbeitung der neuen Informationen und das Entwickeln neuer Gedanken.)

Schockierend gerade für die anwesenden Jugendlichen war Wilkenings Liste der schädlichsten Spiele. Auf Platz 1 befinden sich nämlich das derzeit sehr beliebte Spiel Fortnite und vergleichbare Angebote, da diese durch das endlose Fortlaufen und Team-Challenges zu einer starken sozialen Einbindung und dadurch einer starken Verpflichtung führen.

Auch wenn - bedingt durch viele Publikumsfragen dazu – das Zocken ein Schwerpunkt des Abends war, wurden auch andere Medien thematisiert. So empfahl Wilkening den Eltern, ihren Kindern den Gebrauch des Smartphones kleinschrittig und geduldig beizubringen - wie beim Erlernen des Radfahrens bräuchten Kinder hier lange Begleitung. Zunächst solle nur gemeinsam am Elternhandy die digitale Welt erkundet werden, erst frühestens ab der 6./7. Klasse sei ein eigenes Handy ohne ständige Aufsicht zu verantworten. Wann man jedoch das Beitreten zu einem Klassenchat zulasse, in welchem oft leichtfertig fragwürdige Inhalte geteilt würden, müsse davon abhängig gemacht werden, wie reflektiert und verantwortlich das Kind sich im Netz verhalte. Wilkening verwies darauf, dass soziale Netzwerke eine „Wirkung wie Kokain“ entfalten könnten. Verbunden mit zu wenig Schlaf und Bewegung könnten so Ängstlichkeit und Depressivität entstehen.

Generell regte Frau Wilkening die anwesenden Eltern dazu an, ihre Kinder darin zu unterstützen, Bereiche zu finden, in denen sie Anerkennung und Akzeptanz erfahren, z.B. im Chor, in der Band, im Ehrenamt, unter „richtigen“ Freunden oder beim Sport. Auch sollte darauf geachtet werden, den Kindern selbst oft Wertschätzung entgegenzubringen und sie trotz der Alltagsstreitigkeiten (z.B. um die Bildschirmzeit) auch für ihr verantwortungsvolles Verhalten und liebenswerte Eigenschaften zu loben. Schließlich sei ein starkes Selbstwertgefühl ein wichtiger Schutzfaktor gegen alle Arten von Süchten.

Spielen, Internet und Fernsehen - von Anne Wilkening

www.klicksafe.de

E. Trauboth, Kontaktlehrerin für schulische Prävention