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Kann man Menschenleben gegeneinander abwägen? Wenn ja, ab welcher Anzahl von Leben ist es moralisch richtig? Um diese und weitere Fragen geht es in dem Theaterstück „Terror“ von Ferdinand von Schirach, welches am 22.11.2017 zum 50. Mal im Deutschen Theater Berlin aufgeführt und von 40 Schülern des Lilienthal-Gymnasiums in Begleitung von Herrn Dr. Henning und Herrn Harms besucht wurde.

Der Luftwaffen-Major Lars Koch schoss ein Flugzeug ab, das von Terroristen übernommen wurde. Dieses Flugzeug mit 164 Passagieren raste auf die Allianz Arena zu, wo sich gerade 70.000 Menschen ein Fußballspiel ansahen. Koch rettete wahrscheinlich Tausenden das Leben, dennoch muss er sich vor dem Gericht verantworten, da er nicht nach dem Gesetz der Bundesrepublik Deutschland gehandelt hat. Am Ende entscheiden die Zuschauer über sein Urteil.

In dem Stück geht es um den Gerichtsprozess von Lars Koch. Die Staatsanwältin argumentierte unter anderem damit, dass die Würde des Menschen unantastbar sei und Koch einfach über das Leben anderer Menschen entschieden hat. Außerdem könne man Menschenleben nicht gegeneinander abwägen. Die Rechtsanwältin behauptete hingegen, dass Koch nach seiner eigenen Moral gehandelt hätte und somit das kleinere Übel bevorzugt habe. Des Weiteren stellte Lars Koch klar, dass er, wenn er nichts getan hätte, den Terror einfach so akzeptiert hätte. Als Zeugen agierten Kochs Vorgesetzter Lauterbach und die Nebenklägerin Meiser, deren Mann bei dem Absturz ums Leben gekommen ist. Am Schluss plädierten Rechts- und Staatsanwältin wie in einer echten Gerichtsverhandlung. Das Bühnenbild war eine Gefängniszelle. An den Seiten konnte man auf Leinwänden die Überreste des Absturzes sehen. Dadurch wurde zum einen ein Bezug zum Inhalt des Stückes hergestellt und zum anderen, ebenfalls zum Inhalt passend, eine seriöse und unruhige Stimmung erzeugt. Alle Schauspieler haben ihre Rollen sehr glaubwürdig und mit einer ihrer Charaktere angemessen Einstellung herübergebracht. Besonders aufgefallen ist allerdings Timo Weisschnur, der Lars Koch verkörperte. Obwohl er nur in wenigen Szenen gesprochen hat, war er dennoch immer sehr präsent. Dies wurde vor allem durch seine Mimik und Gestik klar, denn sein Gesichtsausdruck war immer ernst, aber dennoch selbstbewusst und zeigte keine Reue für seine Entscheidung. In einigen Szenen lief er durch den Raum in anderen saß oder lag er auf dem Boden. Das zeigte sehr gut seine gemischten Gefühle und besonders seine Nervosität im Laufe des Prozesses.

Der Inhalt des Stückes war sehr klar strukturiert, so dass die Zuschauer einfach folgen konnten. Die Argumente der Staatsanwältin sowie die der Rechtsanwältin waren überzeugend und auch belegt mit passenden Beispielen. Hierbei wurden interessante Fragen aufgeworfen, auf die man selbst möglicherweise nicht gekommen wäre und die Koch zu einer möglichen anderen Entscheidung hätten kommen lassen. Zum Beispiel: Warum ist das Stadion nicht evakuiert worden, obwohl man noch genug Zeit gehabt hätte? Oder: Hätte Koch das Flugzeug auch abgeschossen, wenn seine Frau und sein Kind darin gewesen wären? Auch die Zeugenbefragung warf nochmal neue interessante Perspektiven auf und zeigte, wie viele Menschen von der Entscheidung Kochs beeinflusst und beeinträchtigt wurden. Durch die anfängliche Befragung Kochs und die Übergänge zwischen den Szenen hat man ihn als Menschen besser kennengelernt und konnte seine Gefühle und Gedanken bei seiner Entscheidung stärker nachvollziehen. An der Reaktion der Zuschauer konnte man feststellen, dass es den meisten sehr gut gefallen hat. Es gab viel Applaus und den Schauspielern wurden begeisterte Laute zugerufen. Die Abstimmung war ziemlich eindeutig, denn der Großteil der Zuschauer stimmte für unschuldig.

Alles in allem ist „Terror“ ein sehr problemorientiertes Stück. Obwohl es fiktiv ist, zeigt es die Probleme unserer Gesellschaft und wirft politische, aber auch philosophische Fragen auf, mit denen wir im Alltag vielleicht nicht so häufig konfrontiert werden. Dennoch erscheint es mir aufgrund der aktuellen Bezüge zu Terroranschlägen sehr wichtig, sich die Zeit zu nehmen, sich dieses Theaterstück anzuschauen und über die Verurteilung Kochs nachzudenken.

Leoni Eberl, 1. Semester