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Am 18.09.2015 besuchten die beiden Philosophie-Grundkurse der Q1 unter der Leitung von Frau Trauboth und Frau Trompler die Katholische Akademie in Berlin Mitte, um einen Vortrag über das Nutzen moralischer Dilemmata für die soziale Arbeit mit jungen Straftätern zu hören. Der Referent, Sven Enger, ein Sozialarbeiter aus Sachsen, stellte  eines seiner Projekte, „Zwischen den Welten“ vor. In dem Projekt haben jugendliche Straftäter (zwischen 18 und 21 Jahren) die Wahl: Sie können ihre Strafe akzeptieren, die ihnen vom Jugendgericht auferlegt wurde oder sie begeben sich in Engers Begleitung auf eine fünftägige Pilgerreise. Dabei müssen sie 70 km zu Fuß auf der Via Regia zurücklegen und sich selbst den drei zentralen Fragen jedes Pilgers stellen: Wo komme ich her? Wo stehe ich gerade und wo will ich hin? Diese Fragen machen deutlich, dass es in dem Projekt nicht um die Vergangenheit der Straftäter, sondern um deren Zukunft geht. Außerdem sollen sie auf dem Weg verschiedene moralische Dilemmata diskutieren und auch mit anderen Pilgern in Kontakt kommen. Ziel des Projektes ist laut Enger die  Reflexion und Weiterentwicklung ihrer moralischen Urteilsfähigkeit. Obwohl Enger das Projekt eher realistisch sieht und weiß, dass ein Mensch nicht innerhalb von fünf Tagen seine moralische Urteilsfähigkeit drastisch verbessert, glaubt er an das Projekt und hofft, dass er damit zumindest einen Anstoß geben kann, die bisherigen Verhaltensmuster zu überdenken.

Für mich persönlich allerdings interessanter waren die „Forschungen“, die Sven Enger zur moralischen Urteilsfähigkeit von Jugendlichen durchgeführt hat: Er hat eine Gruppe von Jugendlichen, die ein freiwilliges soziales Jahr in der Politik machen, mit einigen jugendlichen Straftätern aus seinem Projekt hinsichtlich ihrer Moralentwicklung verglichen. Dazu sollten beide Gruppen zunächst eine moralische Maxime wählen, die sich in eine der sechs Stufen eines Moralentwicklungsmodells von Lawrence Kohlberg einordnen lässt.  Hier fiel zunächst auf, dass sich die Straftäter überwiegend auf den Stufen zwei und drei befanden, die FSJler überwiegend auf Stufe drei und vier, wobei es auch viele gab, die auf Stufe sechs (der höchsten Moralentwicklungsstufe) standen. Als die Testpersonen diese moralische Urteilsfähigkeit allerdings auf ein moralisches Dilemma anwenden sollten, waren sich die Ergebnisse gar nicht mehr so unähnlich: Viele der Straftäter hätten „besser“ gehandelt, als sie vorher eingeschätzt hatten, während viele FSJler offenbar die Maxime für Stufe sechs kannten, jedoch  eher nach Stufe vier handelten.

Nach dem Vortag hatten wir eine Pause, in der wir mit belegten Brötchen und Getränken versorgt wurden. Danach wurden Gruppen mit möglichst unterschiedlichen Teilnehmern (von verschiedenen Schulen) gebildet. In diesen Gruppen konnten wir gemeinsam mit jemandem, der sich mit dem Thema (oder ähnlichen Themen) beschäftigt, über den Vortag und die aus ihm resultierenden Fragen diskutieren. Diese Diskussion erwies sich, meiner Meinung nach, als sehr sinnvoll, da wir uns hinterher noch einmal mit allen anderen Gruppen austauschen und unsere Fragen direkt an Herrn Enger richten konnten.  Dabei wurde auch Kritik an der angeführten Studie und den benutzten Modellen geäußert, es gab aber auch Fragen zu seinem Projekt.

Zum Schluss erklärte Sven Enger uns allen, was er selbst aus der Studie gelernt hat: Erstens, dass das Strafmaß in Deutschland für jugendliche Straftäter gerecht sei, denn sie wissen in der Regel offenbar, dass das, was sie getan hatten, falsch und moralisch verwerflich ist, haben sich aber vorsätzlich dazu entschieden, es doch zu tun. Zweitens, dass FSJler und jugendliche Straftäter eine Gemeinsamkeit hätten: Beide Gruppen wollten ihre Jugend noch ein bisschen verlängern und noch keine Verantwortung für sich selbst übernehmen (Was allerdings auf heftige Kritik aus dem Publikum stieß). Deshalb ist er der Meinung, dass beide Personengruppen ein ähnliches Potential hätten, aber die Gesellschaft sehr unterschiedliche und teilweise ungerechte Erwartungen an sie stellen würde. Er beendete den Vortag mit einem Zitat von Erich Kästner, welches mir sehr gefallen hat, weshalb ich es an dieser Stelle wiederholen möchte: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“.

Fabienne Schories, 1. Semester

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